Die im Jahr 2016 und danach vorgelegten, immer wieder veränderten Entwürfe zur Novellierung des SGB VIII strebten neben dem Einstieg in die Große Lösung eine grundlegende Neuausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe insbesondere zu Lasten der Kinder- und Jugendlichen selbst an. Wirkungsmessung, Wirkungsorientierung in Verbindung mit Steuerung der Hilfen wurden darin regelmäßig gefordert ohne sie fachlich zu konkretisieren.

So entstand die Idee, sich mit einem eigenen Forschungsprojekt frühzeitig auf den Weg zu machen, zentrale Wirkfaktoren der Hilfen mit einem fachlich fundierten und im Berufsalltag erprobten Vorgehen zu entschlüsseln. Zugleich sollte ein geeignetes Verfahren zur datenbasierten Qualifizierung des Hilfeplanprozesses entwickelt und erprobt werden.

Das Forschungsprojekt WirkJuBe – Hilfeplanung der Initiative Zukunft der Sozialwirtschaft (IZdS), an dem sich 15 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe beteiligt haben, steht für die fachliche Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung. Aus dem Forschungsprojekt liegen nun Erkenntnisse zu Wirkungen angebotener Hilfen vor. Es konnte auch ein Verfahren erprobt werden, das über die Erhöhung der Indikationsgüte zu einer Qualifizierung des Hilfeplanverfahrens beiträgt.

Im Mittelpunkt des Projektes stand die Dokumentation der Entwicklung zentraler Capabilities junger Menschen und ihrer Eltern während der Hilfen, die im Schaubild zusammengefasst sind. imText


Das Forschungsprojekt hat ebenfalls wieder nachgewiesen, Partizipation der jungen Menschen und deren Eltern in der Hilfe ist einer der zentralen Wirkfaktoren in den Hilfen zu Erziehung. Mit dem Tool WirkJuBe-Hilfeplanung werden Angaben zur Förderung und Sicherstellung von Partizipation, zu den Themen Kooperation, Ziele und Hilfeplanprozess sowie zu den Capabilities der jungen Menschen und deren Bezugspersonen zur Verfügung gestellt.

Zu den konkreten Ergebnissen hält der Forschungsbericht des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) Mainz, die das Projekt wissenschaftlich betreute, u.a. fest:

 Abbildung: Grundlagen des Verwirklichungschancenansatzes (Arnold/Macsenaere/Hiller 2018, S. 34)

Þ    Zum Wirkfaktor Partizipation: „Die Ergebnisse der Endauswertung ergeben den erfreulichen Befund, dass den Kindern und Jugendlichen von den befragten Fachkräften in allen untersuchten Bereichen im Schnitt mindestens Mitsprachemöglichkeiten bescheinigt werden. Sie [...] haben die Chance, sich selbst mit ihrer eigenen Sicht bzw. Meinung in diesen Entscheidungsprozess mit einzubringen. In den Bereichen, in denen es um ihre unmittelbare, konkrete Alltagsgestaltung geht (Freizeit, Kontakte/Beziehungen sowie Tagesgestaltung) werden ihnen [...] sogar echte Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zugesprochen.“

Þ    Zum Wirkfaktor Kooperation: „Die Beziehungsqualität der jungen Menschen zu Fachkräften in ihrer Gruppe bzw. Einrichtung wird insgesamt tendenziell positiv bewertet. Der Aufbau von stabilen persönlichen Beziehungen zu den jungen Menschen gelingt demzufolge aus Sicht der Fachkräfte gut. Ähnlich positive Ergebnisse zeigen sich bei Betrachtung der Akzeptanz der Hilfeplanziele durch die verschiedenen Hilfeadressat*innen, wobei die Akzeptanz bei Mutter und Vater im Schnitt noch etwas besser ausfällt als bei den betroffenen jungen Menschen.“

Þ    Zum Wirkfaktor Hilfeplanung: „Mit einer fundierten Fallreflexion in 87 % und der Durchführung eines Wirkungsdialogs in 76 % der untersuchten Fälle liegen die erfassten Hilfen insgesamt bereits in einem guten Bereich – auch wenn durchaus noch weitere Optimierungsmöglichkeiten bestehen.“ Die untersuchten Zielsetzungen der Hilfen wurden als sehr weitgehend realistisch und spezifisch bzw. aktiv beeinflussbar eingeschätzt. Optimierungsbedürftig sei allerdings in einem Teil der Fälle, der Grad der motivationsfördernden Formulierung sowie eines klaren zeitlichen Rahmens aus Sicht der jungen Menschen.

Þ    Zur Entwicklung der Capabilities: „Die Capability-Werte der jungen Menschen liegen zum Zeitpunkt des Abschlusses der Messung in WirkJuBe in allen untersuchten Bereichen über den Werten zu Hilfebeginn. Damit bieten sich ihnen [...] nachweisbar bessere Verwirklichungschancen als vor der Hilfedurchführung. Vor dem Hintergrund der relativ geringen erfassten Hilfedauer von durchschnittlich ca. 9 Monaten sind die z. T. sehr deutlichen Zuwächse als besonders beachtlich zu bewerten.“ Deutliche Verbesserungen sind dabei insbesondere in den Bereichen Freizeitgestaltung, Resilienz, soziale Fähigkeiten sowie Autonomie und Werteorientierung festgestellt und transparent gemacht worden.

Für die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die das Forschungsvorhaben auch finanziell getragen haben, hat sich die Beteiligung an dem Forschungsprojekt in mehrfacher Hinsicht gelohnt: Mit der intensiven Beschäftigung einer angemessenen Verwendung des Capabilty Approachs hat sich die vorhandene fachliche Expertise noch einmal verbreitert. Für eine inklusiv arbeitende Kinder- und Jugendhilfe sind sie damit deutlich besser aufgestellt als vorher. Den beteiligten Einrichtungen ist aber auch klar geworden, dass Qualitätssicherung und Qualitätsdialog nicht ohne eine Dokumentation zutreffender Daten und die Reflektion von Zielerreichung nicht ohne eine adressatengerechte Zielformulierung zu erreichen ist. Beides beinhaltet nicht nur hohes Engagement sondern auch kontinuierliche Kommunikation zwischen Hilfeberechtigtem, Leistungserbringer und Leistungs- und Kostenträger auf Basis einer in den pädagogischen Prozess integrierten Dokumentation, die alle Sichtweisen enthält.

Das im Forschungsprojekt entwickelte und erprobte WirkJuBe-Tool ist vom Forschungsinstitut IKJ aus Mainz mittlerweile in deren EVAS 5.0 integriert worden. Die Daten aus dem Projekt WirkJuBe können in die EVAS 5.0-Datenbank übertragen werden, sodass zukünftige Erhebungen an die bereits gewonnen Erkenntnisse anknüpfen können.

Am Ende des mehrjährigen Kooperations- und Forschungsprojekts bleibt zu hoffen, dass sich die Hilfeplanung in den beteiligten Einrichtungen durch die fortdauernde Nutzung der im Rahmen dieses Projekts erarbeiteten Grundlagen nachhaltig positiv weiterentwickelt. Und, dass die Impulse aus diesem Forschungsprojekt zu einer Verbesserung der Hilfeplanung und insbesondere der Hilfeerbringung beitragen. Als IZdS werden wir diesen Prozess in Zukunft weiter begleiten.

Wer den Verlauf des Forschungsprojektes noch einmal Revue passieren lassen möchte, findet auf unserer Homepage im Bereich Jugendhilfe - Forschung mehrere Berichte dazu. Der vollständige Abschlussbericht, der auch die beteiligten Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aufführt, kann hier als pdf-Dokument heruntergeladen werden. Bericht

 

Ende Februar, genau am 20.02.2019, arbeiteten Fachkräfte aus neun der insgesamt 14 am Forschungsprojekt beteiligten Träger der Erziehungshilfe in Rietberg mit den ersten Auswertungsergebnissen unseres Forschungsprojektes.  Andrea Keller vom Institut Kinder- und Jugendhilfe als durchführender wissenschaftlicher Forschungseinrichtung präsentierte die Ergebnisse.

Seit Juli 2017 arbeitet das Forschungsprojekt WirkJuBe - Hilfeplanung. In den ersten Monaten beschäftigten neben den Datenerhebungen auch EDV-technische und arbeitsökonimische Fragen die insgesamt vierzehn teilnehmenden Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Nach gut acht Monaten Laufzeit trafen sich alle Beteiligten Ende März 2018 in Bochum nun zu einem internen Workshop „Zwischenstand“.

Parallel zur aktuellen Reform des SGB VIII hat das Bundesfamilienministerium zusammen mit dem Deutschen Verein in Berlin eine von vier Arbeitsgruppen zur Vorbereitung der nächsten Reformschritte für die Zeit nach der Bundestagswahl  ins Leben gerufen, die sich mit der Weiterentwicklung der Hilfeplanung im SGB VIII beschäftigen soll.

Die bislang vorliegenden Entwürfe zur Novellierung des SGB VIII fordern in §§ 36, Abs. 4 und 36a-f eine „Qualifizierung der Hilfeplanung“. Doch wie kann eine Qualifizierung vorgenommen werden? Nach welchen Kriterien kann die Auswahl der Hilfen erfolgen („Geeignetheit“)?

Die bislang vorliegenden Entwürfe zur Novellierung des SGB VIII streben neben der Großen Lösung eine grundlegende Neuausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe insbesondere zu Lasten der Kinder und Jugendlichen an.