Praxisforschung, also Forschung, die von Themen und Anliegen der Praxis ausgeht, an ihren Belangen ausgerichtet wird und zur Vorbereitung von politischen Entscheidungen beiträgt, erfüllt idealerweise zwei Funktionen: Sie leistet aus ihren Ergebnissen einen Wissenstransfer in die Praxis und Politik einerseits und koppelt Praxiserfahrungen in den Forschungsprozess andererseits zurück. Die Rückmeldung über die Ergebnisse ihrer Arbeit sowie über deren Hintergründe unterstützt Reflexion des eigenen Handelns, ermöglicht eine Qualitätsentwicklung und initiiert Veränderungsprozesse.

Dabei kommt der Frage nach der Effektivität und Effizienz im Sozialwesen eine besondere Bedeutung zu. Praxisforschung orientiert sich dabei an den von der Deutschen Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) vorgegebenen Fachstandards für Evaluation. Hierbei stehen die Kriterien Nützlichkeit, Durchführbarkeit, Fairness und Genauigkeit im Vordergrund.

Wie gelingen Hilfeleistungen?

Ergebnisse und Erfahrungen aus der Praxisforschung stehen nicht für sich alleine.  Sie fließen in praxistaugliche Qualitätsentwicklungsverfahren ein. Diese geben der Praxis Rückmeldung über die Ergebnisse ihrer Arbeit sowie über deren Hintergründe. Sie unterstützen mit Wissen um zentrale Wirkfaktoren Reflexion und Veränderungsprozesse.

Qualitätsentwicklung braucht neben guten Konzepten und geeigneten Verfahren Maßnahmen zur Qualifizierung, Weiterentwicklung und Unterstützung der Mitarbeitenden. Um die Qualität der eigenen Arbeit kontinuierlich zu verbessern, braucht es immer wieder den Austausch innerhalb der Einrichtung oder des eigenen Bereichs, aber auch über diesen hinaus. Praxisforschung ermöglicht diesen Austausch durch systematisches Wissen zu den erreichten Wirkungen auf allen relevanten Ebenen und im Vergleich durch Stärken-Schwächen-Analysen. Hiermit wird auch die Legitimation der Praxis unterstützt.

Was wirkt dabei?

Herausforderungen der Wirkungsforschung bei personenbezogenen Hilfeleistungen beispielsweise in der Kinder- und Jugendhilfe oder in der Behindertenhilfe sind:

  • Die Wirkungen personenbezogener Dienstleistungen sind in hohem Maße adressatengesteuert.
  • Beispielsweise wirken auf die Erziehungs- und Sozialisationsprozesse von Kindern und Jugendlichen eine Vielzahl von Variablen ein.
  • Diese empirisch erwiesenen Wirkfaktoren betreffen sowohl Leistungserbringer (bspw. Partizipation, Beziehungsqualität, Hilfedauer, Mitarbeiterqualifikation), Jugendamt (bspw. Sozialpädagogische Diagnostik, Zuweisungsqualität, wirkungsorientierte Hilfeplanung) und Hilfeadressaten mit ihren jeweiligen Ausgangslagen (Kooperationsbereitschaft, Hilfevorerfahrungen).
  • Wirkung ist somit immer eine Koproduktion aller an Hilfeplanung und Hilfedurchführung Beteiligten.
  • Erreichte Erziehungsziele können nichtintendierte Folgen, „Nebenwirkungen“ nach sich ziehen. Notwendig ist das Erfassen der intendierten Wirkungen und der Nebenwirkungen.
  • Wirkungen sozialer Dienstleitungen lassen sich empirisch im Sinn von Wahrscheinlichkeiten bestimmen.
  • Wirkungsbestimmungen sind empirisch realisierbar. Die Nutzung ihrer Ergebnisse aber nur im Kontext der Untersuchung und des Einzelfalls interpretierbar.
  • Die Wirkung ist unter Einbezug der Sichtweisen relevanter Beteiligter zu bewerten.

Repräsentative und überregionale Erhebungen ermöglichen Einordnung der Ergebnisse einer Institution, ihrer Gruppen und ihrer einzelnen Hilfen. Vergleichsgruppendesigns bieten daher besondere Chancen. Sie erfordern aber auch eine besondere Sorgfalt, um nicht zu verzerrenden Falschaussagen zu gelangen. Der Instrumenteneinsatz erfolgt immer nach international gebräuchlichen Standards.

Welchen Nutzen bietet Praxisforschung?

Jede Praxisforschung ist mit einem Aufwand verbunden ist. Dieser rechnet sich nur, wenn ein entsprechender Nutzen erreicht wird. Welcher Nutzen kann aber diesen Aufwand rechtfertigen? Hier sind drei Nutzendimensionen voneinander zu unterscheiden:

  1. Entscheidungsfindung: Praxisforschung kann eine bessere Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Typischerweise trifft dies auf Modellprojekte zu, deren Evaluation datengestützte  Hinweise bzw. Empfehlungen zur (Nicht-)Weiterführung des Projektes/Programmes liefert.
  2. Legitimation: Jede Profession hat ein Interesse daran, die ihrer Arbeit nach außen sichtbar zu machen. Dies kann durch ein „Bauchgefühl“ oder Erfahrungswerte geschehen – oder aber durch Praxisforschung, die die Qualität und ggf. den damit verbundenen Erfolg systematisch und valide erfasst. Dadurch wird eine differenzierte und transparente Darstellung (ggf. auch im Vergleich zu Kontroll- oder Vergleichsgruppen) ermöglicht, der von Politik und Gesellschaft mehr Gehör beigemessen wird, als der Schilderung reiner Erfahrungswerte.

Qualitätsmanagement: Praxisforschung bietet aber auch die Chance, den Blick „nach innen“ zu schärfen. Ihre Ergebnisse können und sollten genutzt werden, um klientelspezifisch eigene Stärken zu erkennen, aber auch um Hinweise auf Verbesserungspotenziale zu erhalten. Durch diese Rückkopplung leistet Praxisforschung einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung einer Profession und ihrer einzelnen Akteure. Dementsprechend fordern auch Qualitätsmanagement-Modelle wie TQM und EFQM eine praxisbegleitende Evaluation.

Beispiel: Forschungsprojekt WirkJuBe-Hilfeplanung

 

25.08.2017 von Prof. Dr. Michael Macsenaere